Von VERENA DUREGGER
Für weiße Strande, Granitfelsen und verschwiegene Buchten ist die Insel berühmt. Doch das ist nicht alles: Die überraschende Vielfalt Sardiniens lässt sich am besten auf einer Autotour entdecken
Konzentriert nähert sich Marzia mit einer Wünschelrute der drei Meter hohen Steinstele des Gigantengrabes von Li Mazzau. Die Rute schlägt aus. »Ich spüre es«, flüstert sie beschwörend. »Das sind die Schwingungen, meine Hände sind schon ganz heiß. « Marzia kommt oft hierher. Wie viele Sarden hält sie die Steinformationen aus der Bronzezeit, die wie die 7000 Steintürme, die »Nuraghen«, auf der Insel allgegenwärtig sind, für magisch und glaubt an ihre heilende Wirkung. Doch selbst wenn wir die Kraft dieser Steine an diesem Tag noch nicht fühlen — mit dem Sardinienfieber sind wir längst infiziert. Denn die nach Sizilien zweitgrößte Insel im Mittelmeer überrascht uns auf einer Cabriotour beinahe im Stundentakt mit neuen Erlebnissen und kleinen Abenteuern. 180 Kilometer Meer trennen Sardinien vom italienischen Festland. Und diese Distanz spüren wir mit jedem Kilometer: Die Menschen, die Landschaft, der Wein und das Essen unterscheiden sich deutlich vom restlichen Italien.
Jetset in Porto Cervo. Frauen mit blondierten Mähnen und tellergroßen Sonnenbrillen stöckeln auf Pfennigabsätzen über das Kopfsteinpflaster von einer Designer-Boutique zur nächsten. Ihre Begleiter tragen die vollen Einkaufstüten anschließend zu Luxusyachten, die im Hafen ankern. So kennt man die Costa Smeralda. Das Klischee ist perfekt.
Aber Sardiniens Norden, die Gallura, hat auch noch ganz andere Gesichter: kleine Buchten, die neugierigen Blicken verborgen bleiben. Fischer, die bei Oschiri am Lago del Coghinas ihre Angeln auswerfen und geduldig auf Fang warten. Den schwarz-weiß gestreiften Turm der Abteikirche SantissimaTrinitä di Saccargia, den wir in der Talmulde des Riu Murroni von weitem sehen - von den vielen romanischen Kirchen der Insel ist sie die schönste. Und Korkeichen so weit das Auge reicht: Zu Tausenden bedecken die knorrigen Bäume mit den geschälten Stämmen den Norden der Insel. Die Verarbeitung der Baumrinde ist ein wichtiger Wirtschaftszweig der Region, 120 Firmen sind um das Korkzentrum Tempio angesiedelt.
Weiter zur Westküste. Seit Sardinien 1354 von den Aragoniern besetzt wurde, gilt die Hafenstadt Alghero als die katalanischste Stadt außerhalb Spaniens, Alle Straßenschilder sind zweisprachig, die Mehrheit der Bewohner spricht einen katalanischen Dialekt, Paläste im katalanisch-gotischen Stil säumen die Plätze.
24 Kilometer weiter nördlich ragt die Kalkklippe Capo Caccia steil aus dem Meer. Felsentauben und Wanderfalken nisten in ihren Schluchten und bevölkern die gegenüberliegende Insel Foradada. Im Inneren des Felsens liegt die Neptunsgrotte, deren Gänge sich wie Tentakel durch den Stein ziehen. In der gleißenden Sonne steigen wir 656 Stufen zum Eingang der Höhle hinab, der sich nur einen Meter über dem Meeresspiegel befindet. Meterlange Stalaktiten, Tropfsteingebilde, die von der Höhlendecke nach unten wachsen, spiegeln sich in einem kleinen Salzwassersee.Bei ruhigem Meer ist die Grotte auch mit dem Boot zu erreichen.
Bis zum Badeort Bosa fahren wir die Küste entlang - eine kleine Anleitung zum Glücklichsein: Wir haben die von Kakteen und Blumen gesäumte Straße für uns allein, atmen den Duft der immergrünen Macchia und müssen einfach anhalten, um das Farbenspiel des Sonnenunter-
gangs und den Blick auf das tintenblaue Meer tief unter uns zu genießen.
Nächstes Ziel: Santu Lussurgiu. Olivenhaine umgeben das 3000-Einwohner-Dorf, das sich an die Hänge der Hochebene Altopiano di Abbasanta schmiegt. Enge und steile Gassen machen die Durchfahrt mit dem Auto abenteuerlich. »Ben venuti«, begrüßt uns Gastwirtin Gabriella Belloni und führt uns in ihr Hotel »Antica Dimora del Gruccione«. Für ihr Restaurant verwendet Gabriella nur biologische Produkte aus regionaler Herrstellung, sie hält Kurse über Käse und backt mit ihren Gästen Brot.
Oristano, die größte Stadt Westsardiniens, ist bekannt für den Weißwein Vernaccia. Einst war der Ort von einer Mauer umschlossen, heute ist die Torre di San Cristoforo an der Piazza Roma der einzige Überrest. Dort sitzen alte Männer auf einer Bank im Schatten. Sie fragen, woher wir kommen. »Ah, Deutschland. Als ik jung warr, ik warr in Dusseldorf«, erinnert sich einer.
Nur 20 Kilometer weiter entführt uns die Karthagerstadt Tharros in die Antike. Die Anlage gehört zu den faszinierendsten Ausgrabungsstätten des Mittelmeerraumes. Kanalisation, Wohnungen und Zisterne sind erhalten geblieben.
Der Weg nach Arbus und Ingurtosu führt uns durch dichte Wälder und sattes Grün. Durchatmen. Unser Ziel sind die Piscinas-Wanderdünen an der Costa Verde. Wir fahren nicht über die Küsten-
strasse, sondern wählen eine Schotterpiste, die sich von Ingurtosu durch Täler mit verlassenen Bergwerksgruben windet. Abgekämpft erreichen wir »Le Dune«. Das zum Hotel umgebaute Bergwerksmagazin ist pur von Sand und Meer umgeben, weshalb Paare hier gern die Flitterwochen verbringen.
Am frühen Morgen brechen wir Richtung Cagliari auf, der Hauptstadt an der Südküste, ihre Lage ist einmalig: Tunis näher als Rom, im Osten und Westen Lagunen und Salinen, im Süden der Golfo degli Angeli, im Norden karges Hinterland. Und über allem thront die Oberstadt Castello, das alte Adels- und Regierungsviertel, der Bastion San Remy blickt man über die Küste und Marschen, auf der Piazza zeigen Skateboarder ihre Kunststücke, an der Via dell' Università reckt sich die Torre dell' Elefante, ein Wehrturm aus Kalkstein, dem Himmel entgegen. In den Arkaden der Via Roma am Hafen wimmelt es von Menschen. Dahinter öffnet sich das alte Hafenviertel mit seinen engen Straßen und Gassen, Trattorien, Tavernen und Kunsthandwerksläden.
Hellrot leuchtet uns im Morgenlicht die Porphyrklippe von Arbatax an der Ostküste entgegen. Dort startet auch der Schmalspurzug Trenino Verde zu einer 159 Kilometer langen fünfstündigen Fahrt ins Landesinnere
Wir folgen der Serpentinenstraße nach Lanusei. Das Dorf klebt wie ein Hornissenstock an einem Hang. Unser rotes Cabrio zwängt sich durch enge Gassen, bewundert von den Bewohnern.
Am Lago alto di Flumendosa fahren wir in die Barbagia, das Herz Sardiniens: eine archaische Berglandschaft, einsam, karg und wild. Immer vor Augen: Punta la Marmora, mit 1834 Metern der höchste Gipfel der Insel im Gennargentu-Nationalpark. Unser Ziel ist Oliena. Die Häuser des Ortes liegen weit verstreut an den Hängen des Supramonte-Gebirges. Dazwischen wachsen Hunderte Weinreben, aus denen die Winzer den Starken-Rotwein Cannonau keltern. Über Dorgali geht es in den Ferienort Cala Gonone am Fuße einer Steilklippe am Golfo di Orosei an der Ostküste. Dort tauchen wir noch einmal die Füße ins Meer. Ein schönes Gefühl. Ich schließe die Augen und lasse meine Gedanken treiben. Dann spüre auch ich es plötzlich und bin mir ganz sicher: Ja, es sind die sardischen Schwingungen.

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